»Begriff und Bild« Gerhard Nebel, 1943-44

„Das Ver­hält­nis der bei­den meta­phy­si­schen Instru­men­te des Men­schen, des Begriffs und des Bil­des, bie­tet einen uner­schöpf­li­chen Stoff zu Ver­glei­chen. So kann man sagen, daß der Begriff unpro­duk­tiv ist, sofern er nur Vor­han­de­nes, Ent­deck­tes, Ver­füg­ba­res ord­net, wäh­rend das Bild gei­sti­ge Wirk­lich­keit erzeugt und dem Sein bis­her ver­schlos­se­ne Momen­te abringt.
Der Begriff nimmt sor­gen­voll Distink­tio­nen und Grup­pie­run­gen inner­halb fer­ti­ger Tat­be­stän­de vor, das Bild greift aben­teu­er­lich und unbe­küm­mert ins Wei­te und Unbe­grenz­te hin­aus. Der Begriff lebt von der Angst, das Bild von der tri­um­phie­ren­den Fest­lich­keit der Ent­deckung. Der Begriff muß sei­ne Beu­te, wenn er nicht über­haupt nur einen Kada­ver über­nahm, töten, das Bild läßt schäu­men­des Leben erschei­nen. Der Begriff als Begriff schließt das Geheim­nis aus, das Bild ist inso­fern eine para­do­xe Ein­heit der Gegen­sät­ze, als es zugleich erhellt und das Dun­kel ehrt. Der Begriff ist grei­sen­haft, das Bild immer frisch und jung. Der Begriff ist ein Opfer der Zeit und ver­al­tet schnell, das Bild ist immer schon jen­seits der Zeit. Der Begriff ist dem Fort­schritt zuge­ord­net, wes­halb denn auch die Wis­sen­schaf­ten unter die Kate­go­rie des Fort­schritts gehö­ren, wäh­rend das Bild Eigen­tum des Augen­blicks ist. Der Begriff ist Spar­sam­keit, das Bild Ver­schwen­dung. Der Begriff ist, was er ist, das Bild ist immer mehr als das, was es zu sein vor­gibt. Der Begriff appel­liert an den Kopf, das Bild an das Herz. Der Begriff bewegt nur eine peri­phe­re Schicht, das Bild wirkt auf das Gan­ze oder wenig­stens auf den Kern der Exi­stenz. Der Begriff ist end­lich, das Bild unend­lich. Der Begriff ver­ein­facht, das Bild ehrt die Viel­heit. Der Begriff nimmt Par­tei, das Bild ent­hält sich des Urteils. Der Begriff ist all­ge­mein, das Bild zunächst indi­vi­du­ell, und auch da, wo man das Bild all­ge­mein machen und ihm Erschei­nun­gen unter­ord­nen kann, erin­nern die­se Aktio­nen an auf­re­gen­de Jag­den, und die Lan­ge­wei­le der gene­rel­len Sub­sum­ti­on ist ihnen fern.“

 

Key­words: meta­phy­si­sche Instru­men­te, Begriff, Bild, Ger­hard Nebel, Tage­bü­cher, Tage­buch, Wort, Spra­che, Den­ken, Sehen, Vor­stel­lung, Idee, Aus­druck, Klar­heit, Prä­zi­si­on, Bild­in­halt, Begriffs­in­halt, Begriffs­vor­stel­lung, Welt­an­eig­nung, Bewußt­seins­ho­ri­zont, Vor­stel­lungs­welt, Theo­rie.

Quel­le: »Auf aus­o­ni­scher Erde. Lati­um und Abruz­zen.“ Ger­hard Nebel, © Marées Ver­lag, Wup­per­tal, 1949